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Wofür und warum?

rothenbaecherEine Rezension des Buches „Transidentität – von wo nach wohin?“ von Nikita Noemi Rothenbächer

Das im Agenda Verlag (Münster) erschienene Buch „Transidentität – von wo nach wohin?“ besteht aus zwei Teilen. Im ersten präsentiert Nikita Rothenbächer ihre Autobiographie. Im zweiten Teil möchte sie „noch viel intensiver auf die verschiedenen Aspekte der Transidentität eingehen“ und weniger subjektive als vielmehr „sachliche Informationen“ präsentieren. Leider scheitert sie hiermit auf ganzer Linie.
Die vielen grundlegenden Schwierigkeiten und Mängel dieses Buches werden jedoch nicht erst im zweiten Teil deutlich, sondern zeichnen sich bereits in dessen Einleitung ab. Hier erläutert Frau Rothenbächer ihre Definition von Transidentität. Leider lässt sie diese als unumstößliche Tatsache erscheinen und der/die LeserIn bekommt den Eindruck als genieße diese allgemeine Gültigkeit und Akzeptanz. Dies ist jedoch keineswegs der Fall, denn im Zusammenhang mit Transidentität von „Leiden“, „Krankheitswert“ , „psychischen Abweichungen“ und „tiefer emotionalen Störung“ zu sprechen, wie dies Frau Rothenbächer so ungeniert tut, ist unter Transidenten gelinde gesagt mehr als umstritten und führt immer wieder zu heftigsten Diskussionen.
Nikita Rothenbächer übernimmt hiermit nicht nur eine medizinisch-psychologische Definition von Transidentität (es wäre konsequenter von der Autorin von Transsexualität zu sprechen), sondern reproduziert die im Diskurs um Transsexualität problematisierte Transsexuellen-Transvestiten Dichitomie. Hierunter wird die Abgrenzung der Transidentität, als sogenannte Geschlechtsidentitätsstörung, gegenüber dem Transvestitismus, als sogenannter sexueller Störung, verstanden. Dies ist überaus problematisch, da diese Abgrenzung Tranvestiten (oder besser nicht-pathologisierend Cross DresserIn) ungerechtfertigter Weise hauptsächlich sexuell motiviertes Handeln unterstellt.

Die im ersten Teil präsentierte Autobiographie passt geradezu hervorragend zu dem in der Einleitung skizzierten Bild von Transidentität. Eine Biographie wie aus dem Lehrbuch: Bereits in früher Kindheit hat sie Probleme sich der erwarteten Geschlechterrolle anzupassen, identifiziert sich mit Mädchen und trägt die Kleider ihrer Schwester. Sie versucht viele Jahre ihre Transidentität zu verstecken und zu verdrängen. Von ihren Mitmenschen und deren Gefühlen erfährt man leider nur wenig, ihre erste Ehe (in der sie zwei Kinder zeugt) scheitert, ebenso ihre zweite große Beziehung. Immer wieder läuft sie, wie sie selbst sagt, vor Verantwortung davon. Dies ändert sich erst als sie Sabine kennen lernt, die sie so nimmt wie sie ist – als transidente Frau. Endlich beginnt sie „den Transsexuellen Weg“ zu gehen, das heißt: Therapie, später eine Hormonbehandlung und schließlich die geschlechtsangleichenden Operation.
Die Transidentität dient Nikita Rothenbächer immer wieder als Erklärung für die größeren und kleiner Unglücke und Missgeschicke in ihrem Leben. Den von ihr gebetsmühlenartig wiederholt postulierten „Krankheitswert“ der Transidentität verwendet sie um zu argumentieren, dass sie im Prinzip unschuldig ist. Für eine „Krankheit“ kann man schließlich nichts. Daher fühlt sie sich oft missverstanden, zu unrecht kompromittiert und diskriminiert.
Die Behandlung ihrer „Krankheit“ nimmt in dem Buch somit zentralen Raum ein. Man bekommt den Eindruck als diene ihr die Therapie zur Menschwerdung an sich, ihr Leidensweg wird geradezu heroisch stilisiert. Sie sieht sich selbst als Opfer – als Opfer der Transidentität, als Opfer einer diskriminierenden Gesellschaft und später als Opfer übelmeinender, ja geradezu niederträchtiger, Krankenkassen. Dieser Opferstatus wird von ihr leider weder reflektiert noch hinterfragt, sondern als unumstößliche offensichtliche Wahrheit porträtiert.
Ich möchte hiermit nicht behaupten, dass die Gesellschaft furchtbar fair mit Nikita Rothenbächer umgeht, mitnichten! Wie viele Transsexuelle erfährt sie mannigfaltige Diskriminierungen, stößt auf völlig ungerechtfertigte Vorbehalte und wird vom gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt. Trotzallem ist ihre Rolle in erster Linie die eines Opfers und somit eine passive und eine unschuldige dazu – das macht sie so reizvoll. Und es ist genau diese Passivität, die, gepaart mit der Pathologisierung der Transidentität, das Fundament bildet, auf dem der zweite „sachliche Teil“ des Buches gründet und transidente Menschen als unmündige Patienten porträtiert.
Dies ist eine der grundlegenden Schwierigkeiten des zweiten Teils. Denn auch wenn sich der zweite Teil folgerichtig aus dem ersten biographischen Teil ergibt, so stellt er eben eine ebenso subjektive Annäherung an das Thema Transidentität dar wie der erste Teil, nimmt aber eine Objektivität in Anspruch, die er nicht hat.
Objektivität wird immer wieder suggeriert, indem Frau Rothenbächer wiederholt von „uns Transidenten“ und „uns Betroffenen“ spricht. Damit legt sie eine Einheit von Transidenten nahe, die es meines Erachtens nicht gibt und verschleiert auf diese Weise die Tatsache, dass sie eine unter vielen Transidenten höchst umstrittene Position einnimmt.

Liest sich der erste Teil wie eine Lehrbuchbiographie so handelt es sich beim zweiten Teil um eine differenzierte Darstellung dessen, was Medizin und Psychologie zum Thema Transsexualität meinen beitragen zu müssen. Man bekommt den Eindruck, Frau Rothenbächer hat sämtliche Transsexuelle pathologisierende Schriften im deutschen und englischen Sprachraum gelesen. Leider fehlt ihr oftmals ein hinterfragend, kritischer Umgang mit der Thematik. So werden umstrittene Mediziner und Psychologen wie Dr. Money oder Prof. Dr. Benjamin ebenso ins Feld geführt wie die Transsexuellen-Transvestiten Dichotomie unreflektiert reproduziert wird. Selbst der unsägliche Terminus der „Autogynäkophilie“ wird aus der Kiste psychologischer Absurditäten gezaubert. Frau Rothenbächer scheut nicht einmal davor zurück, die alte Mär, dass es transsexuelle Frauen schwerer haben als transsexuelle Männer aufzuwärmen und beschwört „uns Betroffene“ geradezu, mit Medizinern und Psychologen gut zusammenzuarbeiten, denn laut Frau Rothenbächer sind nur diese in der Lage zu beurteilen ob eine Person nun transidentisch ist oder nicht. Von Selbstbestimmtheit keine Spur! Nur der sogenannte Fachmann kann entscheiden was für den transidenten Menschen am besten ist, wie er oder sie am besten agieren sollte. Dieser Fachmann ist selbstverständlich Mediziner oder Psychologe. Hierbei wird eine Abschiebung der Verantwortung für das eigene Handeln und Empfinden propagiert, der ich nur mit Nachdruck entgegentreten kann. Es ist unsäglich, dass Frau Rothenbächer „jedem Betroffenen rät“, diesen „vorgegebenen Weg“ zu durchlaufen (S.187). Dies reflektiert ihre ungerechtfertigte Auffassung, dass ein Mensch mit dem „Problem Transidentität“ ohne therapeutischen Beistand gar nicht „fertig werden kann“(S175).
Immer wieder unternimmt Nikita Rothenbächer den Versuch, auch kritischen Ansätzen Raum zu geben, beispielsweise Transidentität als in erster Linie gesellschaftliches Phänomen zu begreifen und nicht als medizinisches. Leider gehen diese Versuche meist ins Leere und kommen über den Status einer gestellten Frage der eine Auseinandersetzung folgen müsste, nicht hinaus.
Beispielhaft hierfür ist die Behauptung Frau Rothenbächers die von ihr porträtierte Transidentität stelle die Mann-Frau Dichotomie unserer Gesellschaft in Frage, da transidente Menschen die Grenzen ihres Geschlechts überschritten. Hierbei unterliegt sie einem Trugschluss, den ich hier kurz erläutern möchte.
Es ist offensichtlich, dass Frau Rothenbächers These transsexuelle Menschen stellten die Existenz von nur zwei Geschlechtern in Frage, nicht haltbar ist, die von ihr beschriebene Transsexualität impliziert ja gerade, dass die transsexuelle Person von einem Geschlecht in sein/ihr Gegengeschlecht wechselt, Alternativen kommen in ihrem Buch im Prinzip nicht vor. Demnach ist - wenn überhaupt - eine Infragestellung des Zusammenhangs zwischen biologischem Geschlecht und der Geschlechtsidentität haltbar. Jedoch möchte ich selbst diese Infragestellung Frau Rothenbächers problematisieren, da die körperliche Angleichung an das Gegengeschlecht bei ihren Ausführungen eine sehr zentrale Rolle einnimmt und so wieder ein fundamentaler Zusammenhang zwischen körperlichen Geschlechtsmerkmalen und der Geschlechtsidentität hergestellt wird. Dies geht sogar soweit, dass sie behauptet, ein Alltagstest sei erst nach einer Hormontherapie möglich, da man Transidenten nicht zumuten könne als „Vogelscheuche“ herumzulaufen. Dass sie hierdurch alle Transidenten, die ohne Hormonterapie eine Geschlechtsidentität leben, die nicht deren biologischen entspricht, beleidigt und diskriminiert nimmt sie offensichtlich nicht einmal wahr.

Abschließend möchte ich nochmals nachdrücklich betonen, dass ich vor der Lektüre dieses Buches nur warnen kann, es gibt eine Sichtweise auf das Phänomen Transidentiät wieder, die ich als erniedrigend empfinde und die vor allem neuerer Studien und Ansätze insbesondere aus den Sozial- und Kulturwissenschaften, der Geschlechterforschung und der queer theory in keiner Weise Rechnung trägt. Frau Rothenbächer ist zweifelsohne sehr belesen, leider scheint ihr Wissen jedoch in den frühen 80er Jahren stecken geblieben zu sein.

Julia Ehrt

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