Trans/Inter-Lectures

2. Staffel

Vortragsreihe des wissenschaftlichen Beirates des Transgender-Netzwerks Berlin (www.tgnb.de) in Zusammenarbeit mit dem Sonntags-Club (www.sonntags-club.de)

Donnerstag, 23. 2. 2006: Fronck de Sáster


Body Building – Trans.Sexualität.Körperlichkeit und die plastische Chirurgie der Sprache



In seinem Vortrag entwirft Fronck de Sáster als Drag King und gender-queerer Lebe-Mensch, als abgeschreckter aber auch abgeschlossener Geschichtsstudent das Gegenstück zum „public intellectual“. Er geht mittels und aufgrund seiner Studien-, Bühnen- und v.a. Lebenserfahrung den brennenden Fragen nach dem, was ein Trans-Körper ist, was ihn ausmacht und herstellt nach. Unabdingbar für diesen nicht nur theoretischen Ansatz ist der Zugang über das Thema Sexualität. Denn nicht erst seit Judith Butler und Halberstam wissen die „drunken drag kings“ in den Clubs um den Zusammenhang zwischen Gender, Sexualität und Begehren.

Der Themenkomplex Begehren hat den Referenten schnell in die Berliner Sex-Clubs und in die queere Frauen/Lesben/-SM Szene geführt, wo er (damals sie) in die Welt des Rollenspiels eingeführt wurde. Nicht nur ihm fielen die Parallelen zwischen Rollenspiel, Drag, Queer und dem queeren Spiel mit Geschlechtswechsel auf, aus dem auch oft ernst wurde.

Jedoch woher kommt die hohe Affinität von Trans-Boys und auch Trans-Frauen zu SM und Rollenspiel? Welche Geschlechtergrenzen werden durch die Körper-Erfahrung in Lust und Schmerz aufgehoben, verschoben oder neu definiert? Wie übertragen sich Rollenspielsituationen aus dem geschützten Raum von queeren BDSM Parties auf den Alltag und was hat das alles mit dem Herstellen von Trans-Körpern und deren selbst-erfahrender Körperlichkeit zu tun? Als diesen Fragen versucht der erste Teil nachzuspüren.

Die unterliegende Theorie hierbei ist, dass sich der Trans-Körper im Bondage von Selbst- und Gegen-Liebe auf dem Weg zur Auto-Definition und Befreiung befindet. Dies ist als immerfort neu ausgehandelter DrahtSEILakt zu verstehen, der die Herstellung von Geschlecht durch Eigen- und Fremdwahrnehmung im Spiegel der Eigen- und Fremdliebe ausbalanciert, aber auch vor manchen Abstürzen nicht sicher ist. Warum können BDSM be-treibende Menschen Männer sehen wo Penise fehlen und Frauen Sackfolter angedeien lassen? Und wie fühlen sich die Geschlechts-gequälten Objekte der Untersuchung dabei? Und warum kann diese Play/Spiel-Situation nicht einfach in den Alltag und die Gesellschaft übernommen werden?

Welche Rolle beim Rollenspiel spielt Sprache? Wo hört das Spiel auf, wo beginnt der Ernst des Lebens?

Wie Sprach-Akte beim Akt Körperlichkeit neu definieren und gewohnte Kausalitäten vielleicht auch im Alltag aushebeln wird im Mittelteil betrachtet. Der linguistic An-Turn im Kopf befördert die Er-Mächtigung durch Sprache. Der Vortrag möchte aufzeigen, wie Textuelles, was bisher v.a. zwischen den Zeilen und Beinen geschrieben stand, plötzlich durch linguistische Neu-Codierung eben jener sezierten, d.h. einzeln betrachteten und benannten, Körperstellen lesbar wird. Die Methodik der „plastische Chirurgie der Sprache“, die als Alternative zur tatsächlichen medizinischen plastischen Chirurgie und ihrem Machbarkeitsversprechungen zur Diskussion gestellt wird, eröffnet nicht nur Transgendern und Transsexuellen, sondern allen, die sie lieben, neue Spielräume inner- und außerhalb der SM-Spielwiesen.

Die Schönheit dieser Sprache und der Menschen, die sie sprechen, wiederum konstruiert die Schönheit und Materialität der Trans-Körper auf ganz neue Weise. Im dritten und letzten Teil soll diskutiert werden, aus welchen Gründen z. B. Trans-Männer unbedingt ein Schwänzchen brauchen, um sich nicht als hässliche Entlein unter den von der Natur so reichlich bedachten Bio-Schwänen zu fühlen oder warum die Medizin die härteste Versuchung ist seit es Trans-Körper gibt? Das Ein-Körper-Konzept der vorbürgerlichen Gesellschaft soll als historische Blaupause dienen, auf der Geschlecht im Jahr 2006 queer-feministisch-lustvoll und aus der besonderen FzM-DragKing Perspektive des Referenten neu entworfen wird. Ein Trans-Körper ist ein Trans-Körper ist ein Körper ist … ?


ReferentIn: Fronck de Sáster (Kingz of Berlin)